Kooperation & Artlab 2025
The map is not the territory -
Constructs & Perception
In einem Proberaum in Istanbul hängt seit über 20 Jahren ein Banner:
„Umutsuzluğa alışma!“ – gewöhne dich nicht an Hoffnungslosigkeit.
Aber was tun, wenn Realität zur Erzählung wird und demokratische Werte unter Druck geraten?
2025 und 2026 arbeiten wir gemeinsam mit dem Istanbuler Kollektiv Çıplak Ayaklar Kumpanyası (ÇAK) und Urban.Koop zu genau dieser Frage. Gemeinsam haben wir uns für das Jahresthema „The map is not the territory - Constructs and Perception“ entschieden. Neben ÇAK kooperieren wir ausserdem mit den Stadtgestalter:innen von Urban.Koop zum Themenfeld. Ausgangspunkt sind aktuelle politische Entwicklungen, die gemeinsame Geschichte Deutschlands und der Türkei sowie fortdauernde Migrationsbewegungen.
Worum es geht
Unsere Realität ist nicht objektiv - sie wird erzählt, gedeutet und konstruiert.
Politische Narrative prägen Wahrnehmung, Identität und Zusammenleben. In einer Zeit zunehmender Polarisierung, in der Meinungsfreiheit unter Druck gerät und autoritäre Tendenzen erstarken, stellen wir uns grundlegende Fragen:
- Was tun, wenn demokratische Werte erodieren?
- Wer darf sprechen – und worüber?
- Wie können wir einander begegnen – trotz unterschiedlicher Perspektiven?
- Wie können wir solidarisch handeln – trotz ungleicher Strukturen?
- Wie können wir mit den Mitteln der Kunst gegen das Vergessen, gegen die Erosion von Demokratie arbeiten?
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Wie kann künstlerische Praxis Räume schaffen, in denen neue Formen des Miteinanders, der Empathie und der Verständigung möglich werden?
Kunst als Handlung
Wir verstehen Kunst als Handlung – nicht als Rückzugsort. Gemeinsam mit Künstler:innen aus Deutschland und der Türkei entwickeln wir eine kollektive Praxis, die Räume für Dialog und Empathie eröffnet, solidarische Formen der Zusammenarbeit erprobt, künstlerische Strategien im Umgang mit politischem Druck sichtbar macht
Unsere Realität ist gemacht – und kann verändert werden.
ÇAK ist ein unabhängiges Künstler:innenkollektiv aus Istanbul, das seit 2003 die zeitgenössische Tanz- und Performanceszene prägt. Ihr Proberaum ist seit Jahrzehnten ein offener Ort für Austausch, an dem Künstler:innen arbeiten, lernen und Netzwerke aufbauen. Im Rahmen des Projekts waren wir dort gemeinsam mit rund 30 Künstler:innen für zwei Wochen zu Gast. Diese Zusammenarbeit ist nicht nur ein künstlerischer Austausch, sondern ein gemeinsamer Lernprozess: Wie bleibt Kunst handlungsfähig – auch unter Druck?
Warum Türkei – warum Deutschland – warum jetzt?
Deutschland und die Türkei sind durch Migration und Geschichte eng miteinander verbunden. Gleichzeitig zeigen sich in beiden Kontexten, wie in ganz Europa, Entwicklungen, die künstlerische Freiheit und demokratische Diskurse stark herausfordern. Die Türkei ist dabei nicht nur ein Ort der Zuspitzung, sondern auch ein Erfahrungs- und Lernraum für kreative, widerständige und solidarische Praktiken. Von diesen Perspektiven wollen wir lernen und sie in einen gemeinsamen Dialog übersetzen, Menschen zusammenbringen und all das auf die Bühne bringen.
Wir leben in einer Zeit, die eine erneute Prüfung von Konstruktionen verlangt – auch unserer eigenen kulturellen Prägungen – während wir die grundlegende Natur der Realität selbst hinterfragen. Als Künstler:innen aus der Türkei und Deutschland richtet sich unsere Arbeit auf die gemeinsame Sorge. In einer Welt, in der der öffentliche Diskurs zunehmend von Populismus und Polarisierung geprägt ist, sehen sich kritische Stimmen Zensur ausgesetzt und die öffentliche Meinungsäußerung wird streng kontrolliert.
Populistische Vereinfachungen und polarisierende Narrative erschweren echten Dialog. Unser Projekt setzt genau hier an: Mit künstlerischen Mitteln untersuchen wir, wie Wirklichkeit entsteht und wie sich daraus neue Formen von Zugehörigkeit, Verantwortung und Zusammenleben entwickeln lassen.
Veränderung entsteht im gemeinsamen Raum – durch Begegnung, Aushandlung und kollektive Visionen.
THEORETISCHER RAHMEN
Bereits in den 1930er Jahren stellte Alfred Korzybski die Theorie auf, dass das Bild, das wir uns von der Welt machen, lediglich ein Abbild – nicht jedoch die Realität selbst – ist. Unsere Modelle, Begriffe und Erzählungen sind Werkzeuge, um die Welt zu verstehen, bleiben aber notwendigerweise unvollständig und subjektiv.
Der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick greift diese Idee in „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" auf: Es gibt keine objektive Realität unabhängig von ihrer Deutung - unsere Wirklichkeit ist konstruiert. Der Historiker Yuval Noah Harari beschreibt in seiner „Peugeot-Theorie“, wie kollektive Fiktionen wie Nationen, Unternehmen oder Religionen nur durch gemeinsames Glauben existieren – und deshalb prinzipiell veränderbar sind.
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Diese Denktradition bildet das theoretische Fundament unseres Projekts:
Wie ist ein „gemeinsames Glauben“ an und eine gemeinsame Weiterentwicklung von Europa möglich – trotz Distanzen und Differenzen?
Immer mehr werden in Europa nationale und religiöse Deutungsmuster heraufbeschworen und als unveränderlich dargestellt. Gleichzeitig wächst in einer globalisierten, komplexen Welt das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen. Populismus – als simpelste Form solcher Erklärungsversuche – gewinnt an Zuspruch, verstärkt Spaltungen, erzeugt ein „Wir gegen die“-Gefühl und verhindert echten Dialog.
Unser Projekt setzt an dieser Bruchstelle an:
Mit künstlerischen Mitteln wollen wir die Mechanismen von Konstruktion und Wahrnehmung erforschen, sichtbar machen und gemeinsam mit Künstler:innen und Publikum neue Perspektiven auf Identität, Zugehörigkeit und Verantwortung entwickeln.
Aus unserer Erfahrung gelingt das nur in einem geteilten Raum, durch gemeinsames Aushandeln und die kollektive Entwicklung von Visionen.
Aber Wie können wir einander überhaupt begegnen – über Unterschiede, Distanzen und Perspektiven hinweg?
Bisherige Produktionen in Kooperation mit unseren Partner:innen aus Istanbul
Artlab 2025
„The map is not the territory – Constructs, Perception“ war ein zehntägiges transkulturelles Forschungslabor (art-lab), das im Sommer 2025 in Istanbul stattfand. In Kooperation zwischen bridgeworks (Köln) und dem Istanbuler Kollektiv Çıplak Ayaklar Kumpanyası (ÇAK) erforschten 25 Künstler:innen aus der Türkei und Deutschland, wie politische Narrative, mediale Bilder und kulturelle Prägungen unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit beeinflussen – und wie künstlerische Praxis neue Räume für demokratischen Dialog, Vielfalt und Verständigung schaffen kann.
Ergänzt wurde das Labor durch Dialog- und Abendveranstaltung mit Speaker:innen, die unter dem Titel „Constructs & Perception“ den Austausch über Meinungsfreiheit, Diversität und künstlerische Verantwortung öffnet.
Echoes
ECHOES war ein installativer, künstlerischer Soundwalk, der 2025 zeitgleich in Köln und Istanbul stattfand. Entwickelt von bridgeworks und Çıplak Ayaklar Kumpanyası (ÇAK) entstand ein transkulturelles Format, das Differenz nicht überwindet, sondern hörbar macht – als gemeinsamen Raum im Klang, in geteilter Zeit und im aktiven Zuhören. Über eine Live-Audio-Verbindung wurden zwei Gruppen von Teilnehmenden miteinander verbunden: Stimmen, Musik und Klangfragmente bewegten sich zwischen den Städten. Aufbauend auf dem Art-Lab „The map is not the territory – Constructs, Perception“ übersetzt ECHOES dessen zentrale Fragen in den Stadtraum und untersuchte Fragen nach Erinnerung, Wahrnehmung und Resonanz: Im gemeinsamen Gehen und Zuhören entstand ein temporärer Resonanzraum, in dem Differenz nicht aufgelöst, sondern erfahrbar wurde – als geteilte Zeit, als Klang und als Möglichkeit von Verbindung.
Welche Stimmen werden gehört, welche überhört – und wie formen Narrative unser Verständnis von Wirklichkeit?
Towards home away
Towards Home Away war ein 10-tägiges, ortsspezifisches Kunstprojekt, das 2024 im Istanbuler Stadtteil Ayvansaray stattfand - einem historisch geprägten Viertel am Goldenen Horn, in dem Migration, städtischer Wandel und unterschiedliche soziale Realitäten aufeinandertreffen. In Zusammenarbeit mit dem Hubban Netzwerk, einem Zusammenschluss von in die Türkei migrierten bzw. geflüchteten Künstler:innen, arbeiteten Künstler:innen aus der Türkei und Deutschland gemeinsam vor Ort.
- Wie formen sich Großstädte durch sich verändernden Zuzug von Menschen?
- Wie lassen sich Verbindungen, Überschneidungen und Begegnungen zwischen Generationen in der Stadt erfassen?
- Was bedeutet es, anderswo anzukommen – als "Fremde:r"
Zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung ausgehend von diesen Fragen entwickelte die Gruppe ein Performance-Format, begleitet von stadträumlichen Interventionen durch urban.koop und ankaraaks. Der Prozess mündete in eine öffentliche Aufführung sowie in Workshops mit der lokalen Gemeinschaft.
Hubban setzt sich dafür ein, migrierte Gemeinschaften nicht als „Andere“, sondern als Mitgestalter:innen der Stadt zu verstehen – und Räume zu öffnen, in denen neue Formen von Zusammenleben entstehen können.
Motorhane Open Stage
Motorhane Open Stage war ein ortsspezifisches Performanceprojekt, das 2025 im Motorhane in Merzifon stattfand, einem ehemaligen Elektrizitätswerk in einem strukturell benachteiligten Stadtteil, das temporär zur offenen Bühne wurde. In Zusammenarbeit mit dem Motorhane Cultural Network (MoKA), bridgeworks und Urban.koop kamen Theatergruppen aus Merzifon, Amasya und Sinop sowie Künstler:innen aus Deutschland zusammen, die zuvor noch nicht miteinander gearbeitet hatten. Über eine Woche hinweg entwickelten sie gemeinsam mit Musiker:innen und der lokalen Gemeinschaft eine Performance, die das gesamte Industriegelände bespielte. Workshops und Begegnungen vor Ort waren dabei zentraler Bestandteil des Prozesses. Motorhane wurde so zum Ort kollektiver Praxis – und zum Ausgangspunkt für neue künstlerische Netzwerke und langfristige Zusammenarbeit.