KOOPERATION UND THEMENKOMPLEX

Syncretism & Ambiguity      

JAHRESTHEMA

SYNCRETISM & AMBIGUITY - BEYOND THE BINARY

Mit der Themensetzung 2026/2027 - Synkretismus  & Ambiguität - öffnet bridgeworks einen Untersuchungsraum, der sich der Sehnsucht nach eindeutigen Antworten entzieht. Wir gehen gemeinsam mit Circuito Liquen aus Mexiko auf die Suche jenseits von binären Logiken – sowohl im Diskurs um Identität, Geschlechter als auch in einem geschlossenen Verständnis von Nationalkulturen. Indem wir diese Konstrukte als fließende Spektren anerkennen, schaffen wir Raum für Identitäten jenseits kolonialer und normativer Kategorisierung. In einer Ära, die von politischer Polarisierung und digitalen Echokammern geprägt ist, begreifen wir die Zusammenarbeit zwischen mexikanischen und deutschen Künstler:innen nicht als Brückenschlag zwischen zwei festen und klar definierten Kulturen. Vielmehr verstehen wir sie als gemeinsame Verortung in der Gleichzeitigkeit, in der sich Identitäten, Geschichten und Zukünfte unaufhörlich vermischen. Im Zentrum unserer Arbeit stehen Synkretismus und Ambiguität – zwei Begriffe, die wir nicht als abstrakte Theorie, sondern als gelebte Praxis verstehen werden.
 
Synkretismus ist für uns weit mehr als die bloße Addition kultureller Merkmale; er ist die radikale Form der Neuschöpfung unter Druck. Er speist sich aus der mexikanischen Erfahrung einer Identität, die aus den Trümmern des Kolonialismus, der Resilienz indigener Kosmologie und der Hypermoderne erwachsen ist. Wenn dieser Erfahrungsschatz auf ein Deutschland trifft, das mühsam lernt, seine eigene Vielstimmigkeit als postmigrantische Gesellschaft neu zu sortieren, entsteht ein Spannungsfeld von hoher energetischer Dichte. Wir suchen nach dem „Dritten“, nach jener Ästhetik, die erst dann entsteht, wenn wir die Angst vor dem Kontrollverlust gegen die Neugier auf das Hybride eintauschen.
 
Dabei fungiert die Ambiguität als unser psychologischer und soziologischer Kompass. Es geht um die Weitung des Blicks: Wie viel Ungewissheit halten wir aus, bevor wir in die vermeintliche Sicherheit nationaler oder ideologischer Muster flüchten? In der Kunst wie in der Politik ist die Fähigkeit, Widersprüche nebeneinander stehenzulassen, ohne sie gewaltsam aufzulösen, zur Überlebensfrage geworden. Wir untersuchen, wie kollektive Erzählungen – von der Erinnerungskultur in Deutschland bis zu den Diskursen um die Mestizaje in Mexiko – dekonstruiert werden können, um Platz für eine Gegenwart zu schaffen, die sich nicht mehr über Abgrenzung, sondern über Verflechtung definiert.
 
Unser Verständnis von Ambiguität grenzt sich hier aber radikal von Beliebigkeit und Ungenauigkeit ab. Die Architektur von Gewalt und Faschismus ist immer eine verallgemeinernde, eine verschleiernde und unpräzisen Sprache, die Nuancen tilgt und das Gegenüber entmenschlicht. Wir setzen auf das Gegenteil: eine zärtliche und zugleich präzise Artikulation. Für uns ist diese Genauigkeit ein Akt der Empathie. Wir begeben uns auf die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, die Unterschiede benennt, ohne sie festzulegen und Differenzen umarmt, statt sie zu nivellieren. Indem wir das Trennende nicht ignorieren, sondern als Ausgangspunkt nutzen, verwandeln wir Unterschiede in Qualitätsmerkmale, in eine Einladung zur ehrlichen Begegnung und künstlerischen Praxis.

Dieser Prozess ist untrennbar mit einer kritischen Revision der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik verbunden. Eine wahrhaft faire Zusammenarbeit bedeutet für uns, die strukturellen und ökonomischen Asymmetrien nicht nur zu benennen, sondern sie durch unsere Arbeitsweise aktiv zu unterlaufen. Wir praktizieren eine Umverteilung der Definitionsmacht. Das bedeutet, dass wir die klassische Geber-Nehmer-Hierarchie hinter uns lassen und die Projektsteuerung, die Budgethoheit und die ästhetische Letztentscheidung in einem Prozess des Shared Ownership neu verhandeln. Wir de-kolonisieren nicht nur die gezeigten Inhalte, sondern die Infrastruktur der Kooperation selbst. (fair collaboration)

Wir laden unser Publikum und unsere Partner:innen ein, das „Wissen“ übereinander und unsere „Vorstellung von Welt“ als das zu erkennen, was es schon immer war: eine nützliche, aber unvollständige Konstruktion – eine subjektive Deutung. Im Fokus unserer gemeinsamen Recherche in der kommenden Zeit ist das Unfertige und das sich stets wandelnde.

In den kommenden Produktionen, Residenzen und Diskursen werden wir Synkretismus und Ambiguität als philosophische Notwendigkeit begreifen, um in einer zersplitterten Welt handlungsfähig zubleiben.
 

PARTNER:IN ORGANISATION

CIRCUITO LIQUEN

Circuito Liquen ist eine transdisziplinäre Plattform, diesich der Schaffung, Erforschung und Produktion von Kulturgütern in denBereichen darstellende Kunst, Installation, Performance und Kulturmanagementwidmet. Die Organisation wurde 2003 in Aguascalientes, Mexiko, gegründet undblickt auf 23 Jahre Erfahrung in Mexiko, Kolumbien, Argentinien, Spanien,Deutschland und anderen Ländern zurück. Ihre Sprache nutzt symbolische Übersetzung als primäres Mittel, um Erfahrungenzugänglich zu machen und demokratische Alternativen angesichts tiefgreifendersozialer Veränderungen zu entwickeln. Sie wird vom mexikanisch-iranischenPerformancekünstler und Kunstkurator Saeed Pezeshki zusammen mit MiriamCastañeda geleitet.  Neben seineraktuellen Verbindung zu bridgeworks für ArtLab 2026 hat es in der Vergangenheitmit Institutionen wie dem Goethe-Institut, dem Teatro Colón in Bogotá, demNationalen Zentrum für Künste in Kolumbien, dem Stockholmer Tanzmuseum undFestivals auf fünf Kontinenten zusammengearbeitet.  Für das Projekt ArtLab 2026 fungiert CircuitoLiquen als strategischer Partner in Mexiko und schafft einen Raum für denAustausch. 

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