KOOPERATION & JAHRESTHEMA 2024 

guilt & shame 


Platform TU Mariupol und bridgeworks begeben sich 2024 in einen Prozess des ukrainisch-deutschen Kulturaustauschs. Gemeinsam untersuchen wir den Themenkomplex „guilt & shame“. Dazu initiieren wir verschiedene transkulturelle Netzwerk- und Dialogformate sowie künstlerische Koproduktionen.

Positionierung

Hinsichtlich des verachtenswerten russischen Angriffskriegs auf die Ukraine positioniert sich bridgeworks klar gegen den Aggressor und verurteilt die russische Invasion aufs Schärfste. bridgeworks steht im Schulterschluss an der Seite unserer ukrainischen Partnerinstitutionen, Künstler:innen und Freund:innen. Mit der Partnerkultur Ukraine wird bridgeworks 2024 zur Begegnungs-Plattform und Sprachrohr ukrainischer Stimmen und setzt dadurch ein deutliches politisches Signal: Solidarität!
 
Mit unserer Schwerpunktsetzung gehen wir ein Jahr lang auf eine privat-politische Spurensuche. Gemeinsam untersuchen wir künstlerisch rechtliche, persönliche, private und politische Aspekte von Schuld und Scham. Wir stellen uns aktuellen, provokanten und ungemütlichen Fragen und versuchen gemeinschaftlich, nach Antworten zu suchen.

Wir stehen vor der Herausforderung, Schuld und Scham im Kontext des russischen Angriffskrieges zu analysieren, zu verstehen und proaktiv in künstlerische Projekte zu übersetzen. Explizit interessieren uns Fragen nach der Schuldzuschreibung, Gerechtigkeitund der Rechtsprechung in der aktuellen Situation. Wie steht es um das Völkerrecht und die internationale Rechtsstaatlichkeit? Welche Instanzen können Schuldige überhaupt zur Verantwortung ziehen? Wie können wir mit den zahllosen Kriegsverbrechen künstlerisch umgehen? Kann die dokumentarische künstlerische Arbeit Relevantes dazu beitragen, konkrete Sachverhalte klären oder in einer zukünftigen Aufarbeitung als Material herangezogen zu werden? Welchen Mehrwert kann eine deutsche Perspektive als „Beisteher“ eines Krieges darstellen, welche über ein schambehaftetes Mitgefühl hinausgeht?

Ist es nicht diePflicht von Kulturschaffenden und Künstler:innen, genau an dieser Stelle hinzuschauen und neue Perspektiven zu ermöglichen? Oder kann Kunst als Form der Interpretation und Verfremdung in diesem Fall nur in Verbindung mit aktivistischen und journalistischen Formaten legitim sein? Ausgehend von diesen Fragestellungen beginnen wir unsere Recherchen bei uns selbst.

Jahresthema 2024: Schuld & Scham

Schuld und Scham – zwei mächtige und komplexe Emotionen, die tief in unserer menschlichen Psych everwurzelt sind, unser Handeln, unsere Entscheidungen, unsere persönliche Verortung und unsere Beziehungen zueinander und zur Welt definieren. Sowohl individuell als auch kollektiv scheint dieses Emotionspaar seine Wirkmacht zu entfalten und uns weitreichender zu beeinflussen als es auf den ersten Blick erscheint.

Vermeintlich begeben wir uns mit dieser Schwerpunktsetzung auf eine sehr psychologische und persönliche Spurensuche. Aber hat nicht auch gerade die öffentliche Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Deutschland offenbart, dass persönlich empfundene Unterschiede und Gemeinsamkeiten ihren Ursprung oft in kulturspezifischen Wertevorstellungen und historisch bedingten Befindlichkeiten haben?

Spurensuche zwischen Kollektiv & Individuum

Sowohl das kollektive Schuldempfinden über die historischen Verbrechen der Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus als auch die Scham, die viele Ukrainer:innen derzeit empfinden, wenn sie aus dem „sicheren“ Exil die Nachrichten über das Kriegsgeschehen in ihrer Heimat verfolgen, können als Indiz verstanden werden, dass Schuld undScham weit mehr als individuelles Empfinden kennzeichnen.

In der psychologischen Forschung spielt dieses Emotionspaar eine zentrale Rolle, insbesondere wenn es darum geht, individuelles und gruppenspezifisches Verhalten, soziale Interaktion und kulturelle Normen zu verstehen. Was aber in einer Kultur als schändlich oder schuldhaft angesehen wird, kann in einer anderen als akzeptabel oder gewollt verstanden werden. Um in einen künstlerischen Dialog zu treten, sollten wir daher unseren kulturspezifischen Wertekompass ebenso hinterfragen wie unsere jeweiligen historischen Bezugspunkte und politischen Rahmenbedingungen.

Aber wo verorten wir uns eigentlich persönlich in diesem Spannungsfeld zwischen Kollektiv und Individuum? Wieso empfinden wir überhaupt Scham über die Schuld, die andere zu verantworten haben oder hatten? Wenn es denn gilt, dass geteiltes Leid halbes Leid bedeutet – verhält es sich mit der Schuld ebenfalls so? Und falls dem so ist, verpflichtet uns diese Tatsache nicht dazu, zu handeln oder zumindest eine Haltung zu beziehen?

Hintergrund

Mit dem Themenkomplex „guilt& shame“ stellen wir uns einem zutiefst menschlichen Tabufeld, einer privat-politischen Grauzone und schlagen Brücken von vermeintlich großen philosophischen und politischen Fragestellungen zu biographischen, persönlichen Geschichten unserer Künstler:innen. Somit eröffnet sich ein spannendes künstlerisches Forschungs- und Debattenfeld, ein Ausgangspunkt für gemeinsame künstlerische Prozesse und Projekte.

Denn bei allen Unterschieden, allen Machtgefügen, Sprachbarrieren und Ungleichheiten glauben wir, dass nur im Dialog Erkenntnis liegt und sich dadurch ein künstlerischer Mehrwert entwickeln kann.

TU Mariupol

Das an das Netzwerk TU Mariupol angekoppelte Kulturzentrum Platform TU wurde 2016 in Mariupol, der östlichsten Stadt der Ukraine, von Menschen geschaffen, die vor dem Krieg flüchteten, durch ihn vereint wurden und die gemeinsam anfingen, durch kulturelle Aktivitäten gegen den Krieg zu kämpfen. Die Initiative fördert Menschenrechte und Freiheit durch Kultur und zeitgenössische Kunst und das kritische Denken zu Themen wie Geschlechterungleichheit, Diskriminierung, Rechtsradikalismus, Paternalismus, Flüchtlinge und totalitärer Propaganda.

Bereits vor dem 24. Februar 2022 haben wir Gespräche mit Diana Berg, Gründerin des Kulturzentrums Platform TU in Mariupol, geführt. Gemeinsam entwickelten wir erste Ideen, wie eine deutsch-ukrainischeKooperation aussehen könnte. Die ab Ende Februar folgenden Ereignisse sind uns allen bekannt. Derzeit befinden sich die ukrainischen Künstler:innen an unterschiedlichen Orten in der Ukraine, in angrenzenden Ländern und in Deutschland.

Bild: Diana Berg